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Grau, teurer Freund, ist alle
Theorie -
UND grün des Lebens goldner Baum
(Goethe,
Mephisto)
Wilhelm Busch
1832 - 1908
Wenn einer,
der mit Mühe kaum
Geklettert ist
auf einen Baum,
Schon meint,
dass er ein Vogel wär,
So irrt sich der.
Victor Hugo,
1802 - 1885
franz. Schriftsteller:
"Die Zukunft
hat viele Namen:
Für Schwache ist sie
das Unerreichbare,
Für die Furchtsamen
das Unbekannte,
Für die Mutigen
die Chance"
Jockel DeMeehl
von 1993:
Auf der Insel Föhr
da hatt' ich's schwer.
Das Meer war leer,
welch ein Malheur!
Da Ebbe grad war,
war das Meer halt nicht da.
Ich betrank mich ein Stück,
da kam es zurück.
Welch Glück!
Das Meer und ich
war'n beide jetzt voll.
Ja, darum fand ich's
auf Föhr so toll !
Benjamin Franklin:
Wer die Freiheit aufgibt,
um Sicherheit zu gewinnen,
wird am Ende beides verlieren!
Curt Goetz:
Von allen Gesichtspunkten sind mir die Sommersprossen am
liebsten, sie kann man küssen !
US Präsident Truman hatte schon
als Kind schwache Augen und konnte deshalb nicht Baseball spielen.
Man gab ihm deswegen eine andere Aufgabe:
Er wurde Schiedsrichter !
Theodor Storm Vom Unglück
erst zieh ab
die Schuld;
was übrig ist,
trag in Geduld.
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Originaltitel: Monday Mourning
Originalverlag: Scribners
Aus dem Amerikanischen von
Klaus Berr
Das Böse hält keinen Winterschlaf – Kathy Reichs auch nicht
Was könnte kälter sein als ein Dezembersturm in Montreal? Diese Frage
stellt sich der forensischen Anthropologin Tempe Brennan an einem
tristen Montagmorgen, als sie zu einem ungewöhnlichen Fundort gerufen
wird. In einem Kellergewölbe liegen – achtlos verscharrt – die Skelette
dreier junger Frauen. Nicht eine Gewebefaser, kein Fetzen Kleidung geben
Aufschluss darüber, wann und warum diese Mädchen sterben mussten. Dank
weiblicher Intuition und akribischer Ermittlungen kommt Tempe einem
Verdächtigen auf die Spur. Doch sie muss auf alles gefasst sein, denn
ihr Gegner scheint ein Herz aus Eis zu haben.
»Monday, Monday, can’t trust that day…«, mit dieser Melodie im Ohr
steigt Tempe Brennan in den Keller einer schmierigen Pizzeria hinab, und
mit jedem Schritt sinkt ihre Laune weiter auf das Niveau der
subarktischen Temperaturen. Unten angekommen verfliegt ihr morgendlicher
Missmut jedoch schlagartig und weicht Entsetzen. Denn hier liegen, von
einer dünnen Erdschicht bedeckt, die Skelette dreier Mädchen. Außer ein
paar antiken Schmuckstücken finden sich keinerlei Hinweise. Ihr Gespür
sagt Tempe jedoch, dass es sich hier nicht um eine Aufgabe für
Archäologen handelt.
Leider hält Luc Claudel, zuständiger Beamter der Mordkommission, weder
viel von weiblicher Intuition noch von Brennans Untersuchungen und legt
den Fall zu den Akten. Wider männliche Ignoranz stellt Tempe ihre
eigenen Nachforschungen an. Und dank neuester Messverfahren gelingt der
Kriminologin der Durchbruch: Die drei Frauen wurden nicht etwa vor
ewigen Zeiten beerdigt, sondern erst vor ein paar Jahren ermordet und
beseitigt. Wenig später wird Brennans Wohnung verwüstet, und ihre beste
Freundin Anne, auf Besuch aus den USA, verschwindet spurlos. Soll sie
das nächste Opfer des Unbekannten werden?
Was Kälte wirklich bedeutet, erfährt Tempe schließlich, als sie ihren
Gegner in einem düsteren Haus abseits des vorweihnachtlichen Glanzes der
Stadt stellt. Was sie dort erwartet, lässt ihr das Blut in den Adern
gefrieren, und sie muss all ihren Mut aufbringen, damit ihr verflixter
siebter Fall nicht ihr letzter bleibt. |
| |
"Chirurgisch präziser Thriller,
allerdings nix für Leute, die kein Blut lesen können."
Woman |
"Mit Hochgeschwindigkeit jagt man
durch den neuen Fall von Tempe Brennan - da klappern einem die
Knochen. Keine Frage: Der siebte Fall der taffen Anthropologin
gehört zu den Höhepunkten der Serie. Weiter so, Kathy Reichs!"
Bild am Sonntag |
"Dieser siebte Roman über Tempe
Brennan ist einer der besten in der Serie um diese eigenbrödlerische,
aber liebenswerte Frau, die bei aller beruflichen Anspannung nie die
Opfer und ihre Leiden vergisst."
NDR |
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Monday,
Monday …
Can’t trust that day …
Diese Melodie spielte eben in meinem Kopf, als in dem engen
unterirdischen Raum, in dem ich mich befand, ein Schuss knallte.
Mit weit aufgerissenen Augen sah ich, wie nur einen Meter von mir
entfernt Muskeln, Knochen und Eingeweide gegen Fels klatschten.
Einen Augenblick lang wirkte der verstümmelte Körper wie festgeklebt und
glitt dann, eine Spur aus Blut und Haaren hinter sich her ziehend, nach
unten.
Obwohl ich noch immer kauerte, wirbelte ich herum.
»Assez!« Das reicht!
Sergeant-détective Luc Claudels Brauen zogen sich zu einem V zusammen.
Er senkte seine Neun-Millimeter, steckte sie aber nicht in den Halfter.
»Ratten. Diese Teufelsbrut.« Claudels Französisch war abgehackt und
nasal, was seine Herkunft aus einem Ort ein Stückchen flussaufwärts
verriet.
»Werfen Sie Steine«, blaffte ich.
»Dieser Mistkerl war groß genug, um sie zurückzuwerfen.«
Das stundenlange Kauern in Kälte und Feuchtigkeit an einem
Dezembermontag in Montreal forderte jetzt seinen Tribut. Meine Knie
protestierten, als ich mich aufrichtete.
»Wo ist Charbonneau?«, fragte ich, während ich zuerst einen gestiefelten
Fuß drehte und dann den anderen.
»Befragt den Besitzer. Ich wünsche ihm viel Glück. Der Trottel hat den
IQ von Erbsensuppe.«
»Der Besitzer hat das hier entdeckt?« Ich deutete auf den Boden hinter
mir.
»Non. Le plombier.«
»Was hatte der Klempner denn im Keller zu tun?«
»Das Genie hat neben der Kloschüssel eine Falltür entdeckt und
beschlossen, eine Expedition in den Untergrund zu starten, um sich mit
den Abwasserrohren vertraut zu machen.«
Ich dachte an meinen eigenen Abstieg über die wackelige Treppe und
fragte mich, warum jemand dieses Risiko auf sich nehmen sollte.
»Die Knochen lagen auf der Erde?«
»Er sagte, er sei über etwas gestolpert, das aus dem Boden ragte. Dort.«
Claudel deutete mit dem Kinn auf eine flache Senke direkt vor der
Südwand. »Hat es rausgezogen. Und dem Besitzer gezeigt. Und gemeinsam
waren sie dann in der örtlichen Bücherei, um in der Anatomiesammlung
nachzuschauen, ob der Knochen von einem Menschen stammen könnte. Haben
sich ein Buch mit schönen bunten Bildern geholt, vermutlich weil sie
nicht lesen können.«
Ich wollte eben weiter nachfragen, als über uns etwas klickte. Claudel
und ich schauten hoch, weil wir seinen Partner erwarteten.
Anstelle von Charbonneau sahen wir eine Vogelscheuche von einem Mann in
einem knielangen Pullover, ausgebeulten Jeans und schmutzig blauen
Nikes. Ringelschwänzchen quollen unter einem roten Kopftuch hervor.
Der Mann kauerte in der Tür und zielte mit einer Wegwerf-Kodak auf mich.
Claudels V wurde noch tiefer und seine Papageiennase noch dunkelroter. »Tabernac!«
Es klickte noch zweimal, dann krabbelte der Mann mit dem Kopftuch zur
Seite.
Claudel steckte seine Halbautomatik in den Halfter und legte die Hand
auf das hölzerne Geländer. »Bis die SIJ kommt, werfen Sie Steine.«
SIJ – Section d’Identité Judiciaire. So nennt man in Quebec die
Spurensicherung.
Ich sah zu, wie Claudels perfekt gewandeter Hintern durch die kleine
rechteckige Öffnung verschwand. Obwohl es mich reizte, warf ich keinen
einzigen Stein.
Oben gedämpfte Stimmen, das Poltern von Stiefeln. Hier unten nur das
Summen des Generators für die Scheinwerfer.
Mit angehaltenem Atem lauschte ich den Schatten um mich herum.
Kein Quieken. Kein Scharren. Kein Pfotengetrippel.
Ich schaute mich schnell um.
Keine Knopfaugen. Keine nackten, schuppigen Schwänze.
Die kleinen Mistkerle formierten sich wahrscheinlich gerade für eine
weitere Offensive.
Auch wenn ich Claudels Problemlösungsstrategie nicht guthieß, in einer
Sache stimmte ich mit ihm überein. Ich konnte gut ohne die Nager
auskommen.
Froh, dass ich für den Augenblick allein war, konzentrierte ich mich
wieder auf die modrige Kiste zu meinen Füßen. „Dr. Energy’s Power Tonic.
Todmüde? Dr. Energy’s bringt deine Knochen zum Tanzen“.
Diese Knochen nicht mehr, Doc.
Ich starrte den grausigen Inhalt der Kiste an.
Der Großteil des Skeletts war zwar noch mit Dreck verkrustet, doch
einige Knochen waren bereits sauber gebürstet. Ihre Oberfläche wirkte im
harten Licht der Strahler kastanienbraun. Ein Schlüsselbein. Rippen. Ein
Becken.
Ein menschlicher Schädel.
Verdammt.
Auch wenn ich es schon ein halbes Dutzend Mal gesagt hatte, konnte eine
Wiederholung nicht schaden. Ich war einen Tag früher von Charlotte nach
Montreal gekommen, um mich auf eine Gerichtsverhandlung am Dienstag
vorzubereiten. Ein Mann war angeklagt, seine Frau ermordet und
zerstückelt zu haben. Ich sollte die Sägespurenanalyse erläutern, die
ich an ihrem Skelett vorgenommen hatte. Die Materie war kompliziert, und
ich hatte meine Unterlagen noch einmal durchgehen wollen. Stattdessen
fror ich mir hier im Keller einer Pizzabäckerei den Arsch ab.
Schon früh an diesem Morgen hatte Pierre LaManche mich in meinem Büro
besucht. Ich kannte diese Miene und wusste daher sofort, was auf mich
zukam.
Im Keller eines Pizza-Straßenverkaufs habe man Knochen gefunden, sagte
mein Chef. Der Besitzer habe die Polizei gerufen. Die Polizei habe den
Coroner gerufen, den Leichenbeschauer also. Der Coroner habe das
Gerichtsmedizinische Institut angerufen.
LaManche wollte, dass ich der Sache nachging.
»Heute?«
»S’il vous plaît.«
»Ich muss morgen in den Zeugenstand.«
»Der Pétit-Prozess?«
Ich nickte.
»Die Überreste sind wahrscheinlich die eines Tiers«, sagte LaManche in
seinem präzisen Pariser Französisch. »Es sollte nicht lange dauern.«
»Wo?« Ich griff nach einem Notizblock.
LaManche las die Adresse von dem Zettel in seiner Hand ab. Rue Ste.
Catherine, einige Blocks östlich des Centre-ville.
CUM-Revier.
Claudel.
Der Gedanke, mit Claudel arbeiten zu müssen, war der Grund für das erste
»Verdammt« dieses Vormittags gewesen.
Es gibt einige kleinstädtische Dienststellen in der Umgebung der
Inselstadt Montreal, aber die beiden Hauptakteure bei der
Strafverfolgung sind die SQ und die CUM. La Sûreté du Québec ist die
Provinzbehörde. Die SQ hat auf dem flachen Land das Sagen und in Orten,
die keine eigene städtische Dienststelle haben. Die Police de la
Communauté Urbaine de Montreal, oder CUM, ist die Großstadtpolizei. Die
Insel gehört der CUM.
Luc Claudel und Michel Charbonneau sind Detectives bei der Abteilung
Schwerverbrechen der CUM. Als forensische Anthropologin für die Provinz
Quebec habe ich im Lauf der Jahre mit beiden gearbeitet. Mit Charbonneau
war es immer ein Vergnügen. Luc Claudel ist zwar ein guter Polizist, hat
aber die Geduld eines Knallfrosches, das Einfühlungsvermögen von Vlad
dem Pfähler und eine beharrliche Skepsis, was den Wert der forensischen
Anthropologie angeht.
Schicke Garderobe, zugegeben.
Dr. Energy’s Kiste war bereits voller Knochen gewesen, als ich zwei
Stunden zuvor hier im Keller angekommen war. Obwohl Claudel mir viele
Details erst noch liefern musste, nahm ich an, dass der Besitzer der
Knochensammler gewesen war, vielleicht mit der Unterstützung des
glücklosen Klempners. Meine Aufgabe war es gewesen, zu bestimmen, ob die
Überreste menschlichen Ursprungs waren.
Sie waren es.
Diese Feststellung hatte zum zweiten »Verdammt« dieses Morgens geführt.
Meine nächste Aufgabe war es gewesen, herauszufinden, ob in der
Ruhestätte unter dem Kellerboden sonst noch jemand lag. Dazu hatte ich
drei Erkundungstechniken benutzt.
Ein schräges Ableuchten des Kellerbodens mit einer Taschenlampe hatte
Vertiefungen im Erdreich gezeigt. Behutsames Stochern mit einer Sonde
hatte Widerstände unter jeder Vertiefung ergeben, was auf Objekte unter
der Oberfläche hindeutete. Versuchsgrabungen hatten menschliche Knochen
an den Tag gebracht.
Das hatte die Aussichten auf ein entspanntes Durchsehen der Pétit-Akten
dramatisch verschlechtert.
Claudel und Charbonneau hatten mit »Verdammt« Nummer drei bis fünf
reagiert, als sie meine Einschätzung hörten. Zur Verstärkung hatten sie
noch ein paar Quebecer Flüche hinzugefügt.
Wir hatten die SIJ gerufen. Die Spurensicherungsroutine lief an.
Scheinwerfer wurden aufgestellt. Fotos wurden geschossen. Während
Claudel und Charbonneau den Besitzer und seinen Gehilfen befragten,
wurde ein Bodendurchdringungsradar durch den Keller gezogen. Das BDR
zeigte Störungen, die in etwa zehn Zentimeter Tiefe in jeder der beiden
Senken begannen. Ansonsten war der Keller sauber.
Während Claudel mit seiner Halbautomatik den Rattenfänger spielte,
machten die SIJ-Techniker Pause, und ich baute zwei simple, quadratische
Gitternetze. Ich band eben die letzte Schnur an den letzten Pflock, als
Claudel seine Rambo-Nummer mit den Ratten abzog.
Und jetzt? Warten, bis die Spurensicherung zurückkommt?
Bestimmt.
Mit der Foto- und Videoausrüstung der SIJ fotografierte und filmte ich.
Dann rieb ich mir Durchblutung in die Hände, zog meine Handschuhe wieder
an und begann, im Planquadrat 1-A mit einer Kelle Erde abzutragen.
Beim Graben überkam mich die gewohnte Tatortanspannung. Die geschärften
Sinne. Die intensive Neugier. Was, wenn es nichts ist? Was, wenn es doch
etwas ist?
Die Ängstlichkeit.
Was, wenn ich grundlegend wichtiges Material zu Krümeln trete?
Ich dachte an andere Ausgrabungen. Andere Tote. Ein Möchtegern-Heiliger
in einer ausgebrannten Kirche. Ein kopfloser Teenager in einer
Biker-Bude. Von Kugeln durchsiebte Junkies in einem Grab an einem
Bachufer.
Ich weiß nicht, wie lange ich schon grub, als das Spurensicherungsteam
zurückkehrte. Der Größere der beiden hatte einen Styroporbecher in der
Hand. Ich versuchte, mich an seinen Namen zu erinnern.
Wurzel. Racine. Lang und dünn wie eine Wurzel. Meine Eselsbrücken
funktionierten.
René Racine. Netter Kerl. Wir hatten schon eine Hand voll Tatorte
miteinander bearbeitet. Sein kleinerer Partner war Pierre Gilbert. Ich
kannte ihn schon ein Jahrzehnt.
Während ich an lauwarmem Kaffee nippte, erläuterte ich, was ich in ihrer
Abwesenheit getan hatte. Dann bat ich Gilbert, zu filmen und den Abraum
in Eimern wegzutragen, und Racine, zu sieben.
Zurück zum Gitternetz.
Nachdem ich in 1-A gut sieben Zentimeter abgetragen hatte, wandte ich
mich 1-B zu. Dann 1-C und 1-D.
Nichts als Erde.
Okay. Das BDR zeigte eine Abweichung, die in zehn Zentimeter Tiefe
begann.
Ich grub weiter.
Meine Finger und Zehen wurden taub. Ich fror bis ins Mark. Ich verlor
jedes Zeitgefühl.
Gilbert trug Eimer mit Erde von meinem Gitternetz zum Sieb. Racine warf
die Erde durch die Maschen. Hin und wieder machte Gilbert ein Foto. Als
ich das gesamte erste Gitternetz etwa sieben Zentimeter tief abgetragen
hatte, fing ich wieder bei Planquadrat 1-A an. Bei einer Tiefe von
fünfzehn Zentimetern wechselte ich zum nächsten Planquadrat.
Ich hatte gerade zweimal in Planquadrat 1-B gekratzt, als mir eine
farbliche Veränderung des Erdreichs auffiel. Ich bat Gilbert, einen
Scheinwerfer neu auszurichten.
Ein Blick, und mein Blutdruck schnellte in die Höhe.
»Bingo.«
Gilbert kauerte sich neben mich. Racine kam ebenfalls dazu.
»Quoi?«, fragte Gilbert. Was?
Ich fuhr mit der Spitze meiner Kelle um den Klecks, der in 1-B
einsickerte.
»Die Erde ist dunkler«, bemerkte Racine.
»Verfärbung deutet auf Zersetzung hin«, erläuterte ich.
Beide Techniker starrten mich an.
Ich zeigte auf die Planquadrate 1-C und 1-D. »Irgendjemand oder
irgendetwas geht dort unten den Weg alles Irdischen.«
»Soll ich Claudel Bescheid sagen?«, fragte Gilbert.
»Der freut sich bestimmt.«
Vier Stunden später waren meine Hände und Füße steif gefroren. Obwohl
ich eine Zipfelmütze auf dem Kopf und einen Schal um den Hals hatte,
zitterte ich in meinem superabsorbierenden, isolierbeschichteten
Mikrofaser-Parka, für den Kanuk eigentlich Schutz bis zu einer
Temperatur von minus vierzig Grad garantierte.
Gilbert ging im Keller herum und fotografierte und filmte aus
verschiedenen Blickwinkeln. Racine schaute zu, die behandschuhten Hände
unter die Achseln geklemmt. Beide schienen sich in ihren
arktistauglichen Overalls ziemlich behaglich zu fühlen.
Die beiden Detectives, Claudel und Charbonneau, standen nebeneinander,
die Füße gespreizt, die Hände vor den Genitalien gefaltet. Beide trugen
schwarze Wollmäntel und schwarze Lederhandschuhe. Aber keiner machte ein
fröhliches Gesicht.
Acht tote Ratten zierten die Wände.
Die Grube des Klempners und die beiden Vertiefungen waren bis zu einer
Tiefe von sechzig Zentimetern abgegraben. Erstere hatte noch einige
verstreute Knochen preisgegeben, die der Klempner und der Besitzer
übersehen hatten. Die beiden anderen Löcher erzählten eine ganz andere
Geschichte.
Das Skelett unter Gitternetz eins lag in Fötalhaltung da. Es war
unbekleidet, im Sieb war kein einziges Artefakt aufgetaucht.
Die Person unter Gitternetz zwei war vor dem Vergraben eingewickelt und
verschnürt worden. Die Teile, die wir sehen konnten, wirkten ebenfalls
völlig skelettiert.
Nachdem ich die letzten Erdpartikel von dem Bündel gebürstet hatte,
legte ich meinen Pinsel weg, stand auf und stampfte mit den Füßen, um
sie aufzutauen.
»Ist das eine Decke?« Charbonneaus Stimme klang heiser vor Kälte.
»Sieht eher aus wie Leder«, sagte ich.
Er deutete mit dem Daumen auf Dr. Energy’s Patienten.
»Ist das der Rest von dem Kerl in der Kiste?«
Sergeant-détective Michel Charbonneau stammte aus Chicoutimi, einer
Stadt sechs Stunden den St. Lawrence flussaufwärts in einer Region, die
als Saguenay bekannt war. Bevor er zur CUM kam, hatte er mehrere Jahre
auf den Ölfeldern im westlichen Texas gearbeitet. Stolz auf seine
Cowboy-Jugend, sprach Charbonneau mit mir immer in meiner Muttersprache.
Sein Englisch war gut, auch wenn er manchmal die falschen Silben betonte
und seine Formulierungen so mit Slang durchsetzt waren, dass man einen
Zehn-Gallonen-Stetson damit hätte füllen können.
»Wollen wir’s hoffen.«
»Sie hoffen es?« Eine kleine Atemwolke wehte aus Claudels Mund.
»Ja, Monsieur Claudel. Ich hoffe es.«
Claudel kniff die Lippen zusammen, blieb aber stumm.
Als Gilbert genügend Fotos von den verpackten Überresten geschossen
hatte, kniete ich mich hin und zupfte an einer Ecke des Leders. Es riss.
Ich ersetzte meine warmen Wollfäustlinge durch Gummihandschuhe, beugte
mich wieder über das Bündel und machte mich daran, eine Ecke abzulösen,
dann behutsam die Schichten zu trennen, anzuheben und aufzurollen.
Nachdem ich die obere Schicht komplett nach links abgewickelt hatte,
machte ich mich an die untere. An einigen Stellen hafteten Fasern am
Knochen. Vor Kälte und Nervosität zitternd, löste ich mit dem Skalpell
verfaultes Leder vom darunter liegenden Knochen.
»Was ist das weiße Zeug?«, fragte Racine.
»Adipocire.«
»Adipocire?«, wiederholte er.
»Leichenwachs«, antwortete ich, obwohl ich nicht in der Stimmung für
eine Chemiestunde war. »Fettsäuren und Kalziumseifen aus Muskel- oder
Fettgewebe, die eine chemische Veränderung durchmachen, normalerweise
nach einer langen Verweildauer in der Erde oder im Wasser.«
»Warum ist das nicht auch auf dem anderen Skelett?«
»Weiß ich nicht.«
Ich hörte, wie Claudel Luft durch die Lippen blies. Ich ignorierte ihn.
Fünfzehn Minuten später hatte ich die untere Schicht vollständig
abgelöst und ausgebreitet, und das Skelett lag nun frei vor uns.
Der Schädel war zwar beschädigt, aber unübersehbar vorhanden.
»Drei Köpfe, drei Personen.« Charbonneau stellte das Offensichtliche
fest.
»Tabernouche«, sagte Claudel.
»Verdammt«, sagte ich.
Gilbert und Racine blieben stumm.
»Irgendeine Idee, was wir hier haben, Doc?«, fragte Charbonneau.
Ich richtete mich ächzend auf. Acht Augen folgten mir zu Dr. Energy’s
Kiste.
Nacheinander holte ich die beiden Beckenhälften und den Schädel heraus
und untersuchte sie.
Dann ging ich zum ersten Loch, kniete mich hin und entnahm und
untersuchte dieselben Skelettteile.
O Gott.
Ich legte diese Knochen wieder zurück, kroch zum zweiten Loch, kniete
mich darüber und betrachtete die Schädelfragmente.
Nein. Nicht schon wieder. Die universellen Opfer.
Behutsam löste ich die rechte Beckenhälfte.
Atemwolken blähten sich vor fünf Gesichtern.
Ich ging in die Hocke und bürstete Erde von der Schambeinfuge.
Und spürte, wie es kalt wurde in meiner Brust.
Drei Frauen. Fast noch Mädchen.
2
Als ich am Dienstagmorgen zum Wetterbericht aufwachte, wusste ich, dass
mich eine mörderische Kälte erwartete. Nicht die feucht-kühlen zehn Grad
plus, über die wir in North Carolina im Januar gelegentlich jammern. Ich
meine arktische Kälte im zweistelligen Minusbereich. Kälte nach dem
Motto: Hör auf, dich zu bewegen, und du stirbst und wirst von Wölfen
gefressen.
Ich liebe Montreal. Ich liebe den gut zweihundertfünfzig Meter hohen
Berg, den alten Hafen, Little Italy, Chinatown, das Schwulenviertel, die
Stahl- und Glaswolkenkratzer des Centre-ville, die verwinkelten Viertel
mit ihren Gassen und Steinhäusern und unmöglichen Treppen.
Montreal ist ein schizoider Raufbold, der beständig mit sich selbst über
Kreuz ist. Anglophon gegen frankophon. Separatistisch gegen
föderalistisch. Katholisch gegen protestantisch. Alt gegen neu. Ich
genieße den kulinarischen Multikulturalismus der Stadt: Empanada,
Falafel, Poutin, Kong Pao. Hurley’s Irish Pub, Katsura, L’Express,
Fairmont Bagel, Trattoria Trastevere.
Ich nehme teil an der endlosen Reihe von Festivals in dieser Stadt, Le
Festival International de Jazz, Les Fêtes Gourmandes Internationales, Le
Festival des Films du Monde, das Käferkosten-Festival im Insektarium.
Ich kaufe ein in den Läden an der Ste. Catherine, auf den
Freiluftmärkten an der Jean-Talon und der Atwater, in den
Antiquitätenläden an der Notre-Dame. Ich besuche Museen, mache Picknicks
in den Parks, fahre auf den Wegen am Canal Lachine Fahrrad. Ich genieße
das alles.
Was ich nicht genieße, ist das Klima von November bis Mai.
Eins muss ich zugeben. Ich habe zu lange im Süden gelebt. Ich friere
nicht gern. Ich habe keine Geduld mit Eis und Schnee. Behaltet eure
Stiefel und euer Labello und die Eishotels. Was ich brauche, sind Shorts
und Sandalen und Lichtschutzfaktor dreißig.
Mein Kater, Birdie, teilt diese Meinung. Als ich mich aufsetzte, stand
auch er auf, machte einen Buckel und vergrub sich dann wieder unter der
Decke. Mit einem Lächeln sah ich, wie sein Körper sich zu einer dichten,
runden Masse zusammenrollte. Birdie, mein einziger und treuer
Zimmergenosse.
»Ich kann dich gut verstehen, Bird«, sagte ich und schaltete den
Radiowecker aus.
Der Kater rollte sich noch enger zusammen.
© Verlagsgruppe Random House |
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